Die Grenzen des Wachstums

Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, City-­Ausgabe vom Donnerstag, 9.August 2012

Schülerinnen und Schüler der Schwabinger Hermann-­‐Frieb-­‐Realschule nehmen an einer BoysToMen-Projektwoche in den Bergen teil. Nach anfänglicher Skepsis sind die Jugendlichen begeistert.

Jeder muss auf sein Feuer aufpassen. Allein, mitten in der Nacht. Die Flammen dürfen auf keinen Fall erlöschen, das ist die Aufgabe. Während Tim wacht, schläft Marius 100 m weiter im ausgetrockneten Flussbett, mit Schlafsack und ISO‐Matte. Tim ist hundemüde, aber er hält durch. Ehrensache.

Tim und Marius sind zwei von sechs Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren, die die Schwabinger Hermann Frieb Realschule besuchen. Gemeinsam mit 14 gleichaltrigen Mädchen haben sie sich entschlossen, in die Projektwoche am Schuljahresende mit dem als gemeinnützig anerkannten Verein BoysToMen fünf Tage lang in ein abgelegenes Holzhaus zu fahren. Weit weg von der Großstadt, in ein kleines Nest hinter dem Sylvensteinspeicher, in dem es nicht mal einen Supermarkt gibt. „Als ich hier ankam, dachte ich zuerst, meine Güte, lasst mich wieder nach hause, ich bin hier falsch“ , erinnert sich Tim. Aber dann kam das Übernachten mit den Jungs – da wusste ich, das ist doch ganz cool.“ Tim hat viel gelernt seit dem. Albern sei er zwar nach wie vor, „schließlich wird man in einer Woche nicht gleich komplett zum Mann“. Aber er sei eben auch ein bisschen ernsthafter geworden – und mutiger, seine Gefühle zu zeigen. „Wenn ich am Freitag gehe, lasse ich etwas von dem kleinen Jungen da, der hier vor fünf Tagen ankam.“

Jungen, die bislang den Macho rauskehrten, zeigen Emotionen.
Jungs, sagt Stefan Hermann, brauchen Identifikationsfiguren. Gerade, wenn sie in der Pubertät sind. Sie brauchen erwachsene Männer, die Ihnen Vorbilder sein können, an deren Verhalten sie sich orientieren. „Ansonsten suchen sie sich irgendwann ein anderes Ventil um sich zu beweisen.“ Zum Beispiel so vermeintliche Mutproben wie Komasaufen, Autorennen oder gar sexuelle Übergriffe.

Hermann ist der Gründer von „BoysToMen „ in Europa. Er war dabei, als die Organisation vor 15 Jahren in San Diego ins Leben gerufen wurde – als eine Art Nachbarschaftshilfe. Bereits damals fehlten zunehmend Männer in der Erziehung: Immer mehr Frauen zogen ihre Söhne ohne Vater auf, im Kindergarten und in der Schule hatten vorrangig Frauen das Sagen. Heute ist diese Rollenverteilung noch stärker ausgeprägt als früher. Gleichzeitig, so Hermann, nehme der mediale Reizüberfluss durch Handys, Internet, Playstation und Fernsehen ständig zu.

Der 53‐Jährige wohnt als internationaler Direktor in Santa Barbara in Kalifornien und manchmal auch im schweizerischen Bern, aber für die Woche mit der Schwabinger Realschule ist er nach Bayern gekommen. Der Grund: Die Konstellation in den Bergen hinter Lenggries ist neu. Zum ersten mal sind Mädchen und Buben im Camp dabei, zum ersten Mal sind alle jugendlichen Teilnehmer Schülerinnen und Schuler einer Schule. Und es ist das erste Projekt des 2010 in München gegründeten Vereins.

„Wir haben uns für BoysToMen entschieden, weil wir unseren Jugendlichen die Möglichkeit geben wollen, ihre Kompetenzen voll auszuschöpfen und auch mal über ihre Grenzen hinauszugehen“, sagt Eva‐Maria Marxen, Direktorin der Hermann Frieb Realschule. „Viele habe Ressourcen, die in der Schule gar nicht so zum tragen kommen.“ Diese Stärken unter Beweis stellen zu können, fördere das Selbstvertrauen. Das Programm erfasse die Schüler als komplexe Persönlichkeit – nicht nur kognitiv, sondern auch emotional.

Sechs Jungs und 14 Mädchen nahmen an der Projektwoche „BoysToMen“ teil. Fünf Tage lang lebten sie in einem abgelegenen Holzhaus, in einem kleinen Ort hinter den Sylvensteinspeicher, in dem es nicht mal einen Supermarkt gibt. Foto: BoysToMen

„Als wir in den Klassen BoysToMen vorgestellt haben, waren die Schüler erst einmal skeptisch“, sagt Sandra Oberemm. Sie arbeitet als Sozialpädagogin an der Realschule, engagiert sich bei Condrobs und ist gleichzeitig eine von 13 Mentorinnen im Münchner Team. Gemeinsam mit dem Leiter und Gründer der Münchner Dependance, Kai Kitschler, versuchte sie, die Neugier der Jugendlichen zu wecken. „Sie wussten nur, es geht um ein inneres und äußeres Abenteuer, um einen respektvollen Umgang miteinander, ums Erwachsenwerden.“ Welche kooperativen Spiele dann in der Praxis tatsächlich auf der Agenda stehen, welche Mythen man sich in der Jurte erzählt und welche Grenzerfahrungen gemacht werden dürfen, verrieten die Mentoren nicht.

„Es ist wichtig, dass die Jugendlichen vorher nicht wissen, was auf sie zukommt“, erklärt Doris Mumenthaler, Leiterin des Camps für die Mädchen. „Sie reagieren anders, wenn sie – wie im Leben – vor vollendete Tatsachen gestellt werden, als wenn sie sich auf alles vorbereiten können.“ Deshalb werden Außenstehenden keine Details vom Campleben erzählt – um den Überraschungseffekt für künftige Teilnehmer nicht zu gefährden. Und weil alles auf vertraulicher Basis geschieht, werden auch keine persönlichen Dinge kommuniziert. Tim und Marius heißen in Wahrheit anders. „Wir sind aber kein Geheimbund oder so“, sagt Mumenthaler lachend. Die Schweizerin hat 30 Jahre lang unterrichtet, war Schulleiterin und hat Klassen als Schulinspektorin im Kanton Solothurn bei Konflikten beraten und begleitet.

Dass in solch einer Woche oder bei einem Abenteuer – Wochenende, wie es der Verein auch anbietet, Gefühle massiv aufbrechen, ist gewollt. „Die Schüler sprechen plötzlich über ihre seelischen Schmerzen, über lange unterdrückte Verletzungen, das Ganze ist eine Art innere Reinigung. „Jungs, die bislang den Macho rauskehrten, zeigen Emotionen und beweisen Verantwortungsgefühl. Mädchen, die immer nur ihre Schokoladenseite präsentierten und in eine bestimmte Schublade gesteckt wurden, hören auf, sich zu schminken und lernen stattdessen, nein zu sagen, wenn ihr persönlicher Freiraum überschritten wird. Drei Tage lang laufen sich weibliche und männliche Teilnehmer nicht über den Weg. Von den Mentoren – in diesem Fall elf für 20 Jugendliche – werden die Gespräche nur moderiert. Wie viel die Schüler letztlich von sich preisgeben wollen, entscheiden sie selbst.

Für Coach Kai Kitschler war die Woche „ein totaler Meilenstein“
„Mentor zu sein, ist wunderschön“, findet Stefan Hermann. „Dadurch wird einem bewusst, dass auch wir Erwachsenen die Jugendlichen brauchen, weil sie uns unsere Rolle im Leben zuweisen.“ Wer Mentor werden will, durchläuft ein mehrstufiges Schulungsprogramm, bekommt Methoden der Spiel-­‐ und Erlebnispädagogik ebenso beigebracht wie Konfliktlösungsstrategien, das Konzept der Mediation und Auszüge aus der asiatischen Selbstverteidigung. Der Job ist ehrenamtlich, was zählt ist der Wille, präventiv tätig zu werden.

150 Euro hat jeder Schüler für die Woche bezahlt für Anreise, Verpflegung und Unterkunft. Für dieses Projekt gab es außerdem einen Zuschuss vom Bezirksausschuss Schwabing-­‐West. Ein Abenteuer-Wochenende, zu dem sich jeder zwischen zwölf und 17 Jahren anmelden kann, ist für die Teilnehmer teurer, es kostet 250 Euro. Am Ende der Woche im Haus hinter dem Sylvensteinsee sitzen alle noch einmal in der Jurte zusammen. Schüler wie Betreuer lassen die vergangenen Tage Revue passieren. Für Coach Kai Kitschler war diese Woche „ein totaler Meilenstein: Jede Sekunde, die ich investiert habe, hat sich total gelohnt.“ Schulleiterin Marxen will das Projekt im kommenden Schuljahr „auf jeden Fall“ wieder anbieten.

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